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Total verplant, oder was?

Kann man zu sehr organisiert sein? Diese Frage habe ich mir neulich gestellt,  denn wie Ihr ja wisst bin ich ein intensiver Orgmode-Nutzer und mache damit mein Tages und Wochenplanung. Vor etwas mehr als 2 Jahren habe ich dann auch einen schönen Artikel (in Englisch) geschrieben, wie ich meine Übungen an Gitarre und Bass mit meinem persönlichen Taskmanager organisieren will. Tja, und dann hat mich die Realität eingeholt.

Denn ich habe festgestellt, dass ich jetzt zwar in meiner täglichen Agenda-Ansicht sehe, was ich mir als Übungsprogramm vorgenommen habe, aber dann festgestellt, dass

  • diese Aktionen eine relativ lange Verweilzeit in der Agenda haben, denn manchmal brauche ich ein paar Wochen oder sogar Monate um ein Stück einzuüben.
  • Ich mehr oder weniger vermieden habe, weitere Übungsbücher mit in die Taskliste aufzunehmen, einfach um nicht noch mehr „offene Punke“ in der täglichen Agenda rumlungern zu haben.
  • Ich bei meinem Versuch, mir jeden Tag den Bass und die Gitarre zu schnappen dann eigentlich pro Instrument zu wenig Zeit habe, was bedeutet, dass ich das Instrument wechseln muss, wenn ich mich gerade „warm“ gespielt habe.

Alles in allem also relativ unbefriedigend für mich, wo ich doch mein Leben soweit als möglich organisieren will. Sozusagen erschwerend kommt hinzu, dass ich gerade das Buch „BrainChains“ von Theo Compernolle lese und da geht es um die Probleme der Menschen in einer „hyperconnected world“ und eine wichtige Lektion ist, dass man sich zum einen auf das was man tut fokussieren muss, zum anderen aber eben auch hin und wieder einfach eine Pause einlegen muss, damit das Gehirn seine „garbage collection“ machen kann. Also was tun? Ich bin das Problem auf eine für mich „digitalen Menschen“ eher unkonventionelle Weise angegangen:

  • Als Orgmode-Task habe ich jetzt einfach nur „Bass üben“ oder „Gitarre üben“ definiert. Diese wechseln sich täglich ab, also einen Tag ist der Bass dran und das aber dann in einem „mindful state“ und am anderen Tag die Gitarre. Notfalls, wenn  ich zuviel um die Ohren habe kann ich auch mal einen Tag Pause machen. Damit ist das Problem adressiert, nicht genügend Zeit am Stück für ein Instrument zu investieren.
  • Dann habe ich mir zwei A5 große Notizbücher besorgt um für jedes Instrument ein sogenanntes „Bullet Journal“ anzulegen. Zusammen mit ein paar Zeichenschablonen für Icons und Sprechblasen. Da muss ich jetzt also handschriftlich aufschreiben, was ich mir jede Woche als Übungsziel setze und ein wenig protokollieren, wieviel Zeit ich auf jedes Instrument verwendet habe und welche Erkenntnisse, Ideen und was auch immer ich gesammelt habe. Also nach dem Üben ein wenig reflektieren.

20180213_210319Hier mal ein Foto meine Bullet Journals für Gitarre. Rechts seht ihr den Neuerwerb der Stratocaster als Highlight. Und da wo grüne Sternchen stehen hatte ich eine Erkenntnis gewonnen. Links oben die Ziele für die vergangene Woche.

Nach der ersten Woche stelle ich folgende Veränderungen bei meinem Musikmachen fest:

  • Die Spieltechnik wird tatsächlich besser, weil ich mich an einem Tag eben auf genau eine Art von Instrument konzentriere und das andere dabei einfach ignoriere. Dadurch habe ich mehr Zeit und muss nicht aufhören wenn der Warmup rum ist.
  • Bei diesen Übungen habe ich interessante Erfahrungen gemacht, die mir vorher im Trubel des „das noch, und dann das usw.“ nicht so aufgefallen sind. So habe ich tatäschlich bewußt wahrgenommen, dass wenn man am Bass die 1. Saite (G) im 9. Bund spielt (also ein „e“) dann die 4. Saite (das ganz tiefe E) mitschwingt, obwohl es zwei Oktaven tiefer ist als die auf der 1. Saite gespielte Note. Interessant, so was zu „erfahren“ indem man sich tatsächlich mal mit voller Aufmerksamkeit dem Instrument widmet.
  • Durch das Zielsetzen im Bullet Journal habe ich jetzt auch keine Probleme mehr, mir einfach eines meiner vielen Übungsbücher mit auf die Liste der Wochenziele zu setzen, also z.B. mal ein wenig Übungen aus „The Pentatonic Workshop“ zu machen oder eben die Spreizübungen aus „Cross Guitar“.
  • Mit dem Aufschreiben per Hand verankern sich die Erkenntnisse auch besser im Gehirn. Man muss sich einfach ein wenig Zeit nehmen um das halbwegs „schön“ zu notieren (ok, ich habe eine Sauklaue, die zu wenig handschriftliche Übung hat, aber das wird wohl besser werden) und mit dem Aufschreiben der Übungszeiten schließt man mit der Aufgabe einfach ab und kann sich dann wieder auf andere Dinge konzentrieren.

Alles in allem eine für mich sehr interessante neue Erfahrung. Aber hey, ich bin ja auch noch nicht zu alt um auch mal was Neues zu lernen und am Ende bin ich froh um jeden Erkenntnisgewinn den ich sammeln kann.

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