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Die Stunde der Statistik-Fälscher

So lügt man mit StatistikDer ADAC darf momentan einen mächtigen Shitstorm über sich ergehen lassen, wurde er doch beim Frisieren seiner Abstimmung zum Lieblingsauto der Deutschen ertappt. „Trau keiner Statistik die Du nicht selbst gefälscht hast“ heißt das Zitat dessen Quelle nicht hunderprozentig abzuklären ist, viele behaupten es käme von Sir Winston Churchill, andere benennen Joseph Goebbels als den Urheber. Wie dem auch sei, seit es Statistiken gibt, gibt es auch Manipulationen.

Was sich der Chefredakteur der ADAC-Motorwelt hier geleistet hat ist für mich selbst kaum nachvollziehbar, denn er hat ja nicht in der Art gemauschelt, dass ein bestimmtes Auto unverdient Stimmen bekommen hat, sondern er hat mal schnell die Teilnehmerzahlen bei seiner Umfrage mit dem Faktor 10 multipliziert.

Natürlich sind geringe Teilnehmerzahlen bei einer solchen Umfrage ärgerlich, aber durchaus nachzuvollziehen. Ich selbst bin jedenfalls im ADAC drin um im Pannenfall unkompliziert Hilfe zu bekommen. Die Clubzeitung wandert bei mir direkt vom Briefkasten in die Papiertonne, denn der Inhalt interessiert mich schlicht nicht. Gäbe es eine Mitgliedschaft ohne diese monatliche Werbebroschüre, dann würde ich diese wählen.

Jetzt haben wir also ein Lieblingsauto das von relativ wenig Lesern dazu erkoren wurde. So schreibt das Blog „Sprengsatz“ heute:

Ein Preis, bei dem sich von 19 Millionen Mitglieder gerade einmal 3.409 für ein Siegerauto entscheiden, hat ohnehin keine Legitimation.

An dieser Stelle regt sich bei mir ein dezenter Widerspruch. Denn wir sollten uns jetzt mal von dem Lieblingsauto distanzieren und ganz nüchtern den Alltag der deutschen Meinungsumfragen ansehen. Wenn also irgend ein Meinungsforschungsinstitut eine Umfrage macht um herauszufinden, ob die Deutschen gerade in Kauflaune sind oder ob sie unsere Kanzlerin für kompetent halten, dann werden von den über 80 Millionen Bundesbürgern meistens knapp über 1000 befragt und man nennt das dann eine repräsentative Stichprobe. Da ist doch 3409 Stimmen aus 19 Millionen Mitgliedern der Grundgesamtheit ein sehr gutes Ergebnis. Insofern kann ich eben diese Manipulation ganz und gar nicht nachvollziehen.

Aber während die Mainstreampresse nun sich das Maul über den ADAC-Skandal verreißen tut hat Heiner Flassbeck heute mal ein wenig genauer auf die Statistik der deutschen Konjunktur geblickt, die ja regelmäßig vom statistischen Bundsamt veröffentlicht wird. Natürlich ist das Bundesamt nicht so dilletantisch in seiner Vorgehensweise wie der ADAC sondern liefert durchaus nachvollziehbare Zahlen. Die Manipulation hier ist wesentlich subtiler, denn neben der Lieferung der Daten maßt sich das Bundesamt die Deutungshoheit dieser Auswertungen an und das führt dann dazu, dass ein Wirtschaftwachstum von 0,4 Prozent im vergangen Jahr als „moderates Wachstum“ verkauft wird und man daraus auf das Ende der Finanzkrise und dem Beginn eines neuen Konjunkturaufschwunges schließt. Und die Mainstreampresse freut sich, dass sie nicht mehr selbst denken und hinterfragen muss sondern die Statistik schon „mundgerecht“ serviert bekommt. Da wird diese Propaganda dann auch kritiklos übernommen und zur „Wahrheit“ erkoren. Ich kann hier jedem nur den Artikel von Heiner Flassbeck als Lektüre empfehlen, denn er zeigt deutlich, wie verkommen die Presse und der ganze Qualitätsjournalismus mittlerweile sind.

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Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

2 Kommentare

  1. Carsten Kettner

    21/01/2014 @ 07:35

    Die Bedeutung der manipulierten Zahlen ergibt sich nicht aus der schlichten (niedrigen) Zahl der abstimmenden ADAC-Mitglieder, sondern liegt in Wahrheit tiefer:
    1. diese knapp 3400 Stimmen sind nicht repräsentativ (was auch immer das heißen mag)
    2. die niedrige Zahl an Abstimmern zeigt, dass dem Großteil der ADAC-Mitglieder das ganze Brimborium des ADAC am Allerwertesten vorbei geht und nur deshalb Mitglieder sind, weil sie eine Rundum-Versorgung im Pannenfall garantiert sehen möchten (die Realität sieht jedoch anders aus)
    3. die Motorwelt geriert als die auflagenstärkste Auto-Zeitschrift Europas (mit 19 Mio Abonnenten), die ihre Bedeutung auch dadurch nährt, dass die „vielen“ aktiven Mitglieder, in deren Namen der ADAC gerne spricht, Empfehlungen für Preisvergaben (Gelber Engel, LIeblingsauto etc.) geben. Diese Bedeutung hätte die Motorwelt vielleicht wirklich, wenn nur 10% aller Mitglieder entsprechend aktiv wären.
    4. Aus der Aktivität der Mitglieder ergibt sich eine entsprechende Markt-Reichweite des Magazins, die die hohen Preise für Werbung in der Zeitschrift rechtfertigen würden.
    5. Und hier liegt die Krux im Pfeffer: die Werbeplätze in der Motorwelt sind gnadenlos überhöht (das merken nun die Werbepartner), weil das Magazin bei vielen vom Briefkasten in die Tonne wandert und somit die Werbung beim Zielpublikum nicht ankommt.

    Zuguter letzt ist zu prüfen, und das finde ich dann auch wieder sehr spannend, unabhängig von den Zahlen, ob nicht nur Manipulation von Statistiken im Spiel war, sondern Betrug und Vorteilsnahme. Wie frei waren die Tests (=redaktioneller Teil) wirklich von den Vorgaben der Werbeabteilung? Wieso haben Vergleichstests immer ein Geschmäckle?

    Übrigens war ich vor laanger Zeit auch mal ADAC-Mitglied, bin dann aber ausgetreten, weil dieser Verein meinte, im Naturschutzgebiet auf der Mosel Motorboot-Rennen veranstalten zu müssen und dies auch entsprechend frech schriftlich begründen zu müssen.

    Zur Pannenabsicherung des ADAC gibt es auch prima Alternativen, die viele KFZ-Versicherer anbieten, zu einem günstigeren Preis und ohne Altpapier-Beglückung.

  2. Adac ist schon so eine Sache. Habe ich vor 10 Jahren die Motorwelt noch gelesen, so ist sie defacto zu einer 80%igen Werbebroschüre verkommen.

    Lesenswert sind allenfalls noch die Leserbriefe.

    Entsprechend sehe ich die Aussagekraft einiger Preise und der dazugehörigen Abstimmungen.

    Die Zahlen in Relation und auf Freiwilligkeit basierend können repräsentativ sein.

    Das Beispiel mit den Meinungsumfragen ist in dem Zusammenhang nicht schlecht.

    VIEL interessanter ist aber der verlinkte Artikel von Flassbeck.

    Neben einer Menge VWL-Daten erscheint zum ersten Mal der BWL-Zusammenhang. Der reelle Umgang mit Daten und einer wirtschaftlich reellen Beurteilung.

    VWL und Meinungsumfragen haben in diesem Zusammenhang eine interessante Verknüpfung. Es wird der Eindruck erzeugt, etwas wäre besser, als es real ist. Obwohl dies wohl nie im Sinne beider Ideen war.

    Aber das Volk „mal eben“ mit Informationen zu „versorgen“, jenen, die sich nicht mit reellen Daten auseinandersetzen können oder wollen, dazu werden die VWL und Meinungsumfrage leider genutzt!!

    Und das sollte uns wesentlich mehr zum denken anregen, als das aufpumpen von Teilnehmerzahlen! 💡

    Ja, BWL ist auch nicht so einfach zu verstehen, oder eine BWA lesen, kann längst nicht jeder. Aber harte Fakten nicht deuten sondern verstehen, dass sollte sowohl Politikern, Finanzjongleuren und anderen Instituten gegeben sein.

    Wenn dann wieder der Einwand kommt, dass man damit eine Krise herbei reden kann, „könnten“ dies Kritiker Recht haben. Aber wegdiskutieren kann man eine Krise mit falscher Deutung harter Zahlen auch nicht!!

    Und besser macht man den harten Aufprall in der Realität dadurch leider auch nicht.