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Der Geier sitzt auf der Laterne

Ich geh mit meiner Laterne, und meine Laterne mit mir.
Dort oben leuchten die Sterne, hier unten die GEMA vor Gier.

So sollte der Alternative Liedtext lauten den die Kinder bei den nun stattfindenden Martinsumzügen singen sollten. Heute hat mir jedenfalls der AZ-Artikel „Laterne, Laterne kostet jetzt GEMA-Gebühr“ das Frühstück sozusagen im Halse stecken lassen. Obwohl ich das Thema ja bereits aus anderen Quellen kannte.

Erstmals gibt es aber eine Information über die Preise, die die Kindergärten zahlen sollen. Bis zu 500 Kopien kosten 56 Euro. Oder anders ausgedrückt: Bei diesen Tarifen würde ein Pack Kopierpapier mit 500 Blatt (auf die man ja bei beidseitigen Kopien 1000 Kopien machen kann) dann ungefähr 115 Euro kosten, 3 Euro für das Papier und 112 Euro für die Urheberrechtsvergütung. Sozusagen ein Schnäppchen nachdem man ja schon für das Kopiergerät (egal ob Fotokopierer, PC, Drucker oder Scanner) seine Urheberrechtspauschale abgedrückt hat.

Wenn man im Web nach Kinderliedern sucht landet man unter anderem auch im Kinderlieder-Shop. Dort kann man sich die Noten und Texte des Liedes „Ich geh mit meiner Laterne“ problemlos als PDF runterladen. Allerdings steht auf den Seiten des Kinderlieder-Shops auch der Hinweis auf die Verwertungsgesellschaft Musikedition die hinter den Urheberrechtsgebühren für Liedkopien in Kindergärten steckt.

Die Webseite der VG-Musikedition ist dann auch sehr interessant. Das Thema „Kopiergebühr für Kindergärten“ erzünt wohl noch mehr Leute als nur mich und daher gibt es auf der Startseite gleich einen Link auf die Stellungnahme der VG Musikedition.

Das Geschütz welches die VG Musikedition auffährt um ihre Forderungen zu begründen ist §53 UrhG. Ein „absolutes Kopierverbot für Noten“ so wie es die VG Musikedition suggerieren will kann ich aber nicht sehen. Explizit heißt es unter Absatz 4 (auf den Musikteil gekürzt):

Die Vervielfältigung grafischer Aufzeichnungen von Werken der Musik,ist, soweit sie nicht durch Abschreiben vorgenommen wird, stets nur mit Einwilligung des Berechtigten zulässig oder unter den Voraussetzungen des Absatzes 2 Satz 1 Nr. 2 oder zum eigenen Gebrauch, wenn es sich um ein seit mindestens zwei Jahren vergriffenes Werk handelt.

Das würde bedeuten, dass ich zwar nicht die oben verlinkte PDF fotokopieren darf weil es sich ja um das Werk des Musikverlages handelt, wohl aber selbst dieses Lied „abschreiben“ darf was ja auch durch die Gemeinfreiheit des Werkes an sich abgedeckt wäre.  Denn der Ursprung des beliebten Laternensong geht laut Liederlexikon weit in die Vergangenheit zurück und daher dürfen wir getrost annehmen, dass der dieses Lied im Status der Gemeinfreiheit steht.

Interessant ist auch, die Webseitenstruktur der VG Musikedition. Da erfährt man dann, dass Musikschulen pro Schüler 15 Euro pro Jahr bezahlen dürfen. Und für Kirchenchöre gibt man sich besonders viel Mühe und  verlinkt sogar eine PDF in der haarklein erklärt wird wie böse das Kopieren von Musiknoten doch ist.

In dieser PDF wird auch behauptet, dass ein „Abschreiben“ der Noten am PC, also z.B. das Setzen der Noten mit speziellen Notensatzprogrammen (ich selbst verwende hier gerne Lilypond) zwar erlaubt wäre, aber diese „Kopie“ dann auch nur ein einziges mal ausgedruckt werden dürfte und nicht 20 mal. Oder eben 20 mal ins Notensatz-Programm getippt werden müsste.

Da bin ich jetzt aber neugierig, denn im Falle des Laternensongs reden wir von einem gemeinfreien Werk. Das bedeutet für mich, dass ich zwar nicht das von einem Musikverlag gesetzte Notenblatt einfach fotokopieren darf, wohl aber das von mir selbst handschriftlich oder via Notensatzprogramm erstellte Notenblatt. Denn pardon me, dann müsste ja jeder Musikverlag der Klassiker veröffentlicht an irgendwen Urheberrechtsgebühren zahlen, tatsächlich ist so ein gemeinfreies Werk aber eine schöne Einnahmequelle da kein Urheber mehr vergütet werden muss und man an der „Verwertung“ verdient.

Es gibt im Web beispielsweise die Seiten des Gutenberg-Projektes von denen man die Klassiker der Weltliteratur als kostenlose und frei weitergebbare E-Books herunterladen kann. Sogar mein Cybook Opus E-Bookreader war bei der Auslieferung mit etlichen E-Books von dort gefüllt.

In Sachen Musik gibt es ein ähnliches Projekt namens Cantorion wo es freie Noten zum Runterladen gibt.  Eine weitere Sammlung von gemeinfreien Noten ist die Petrucci-Bibliothek.

Eine logische Konsequenz aus dieser Kindergarten-Abzocke wäre daher, in Kindergärten eben nur noch gemeinfreie Musik zu nutzen und sich an den entsprechenden kostenlosen Quellen zu bedienen.

Und so ganz nebenbei sollten wir auch nicht vergessen, dass bei den Martinsumzügen an einen Mann gedacht wird der sein Leben nicht der Gier sondern dem Teilen seiner Besitztümer mit anderen gewidmet hat. Aber solche sozialen Ideen haben in einer turbokapitalistischen Welt in der man sogar Kriege aus wirtschaftlichen Interessen heraus legitimieren will (jawohl Herr zu Guttenberg, sie sind später dran) keinen Platz mehr.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.