Trau keiner Statistik…

…die Du nicht selbst gefälscht hast. Dieses Zitat wird wahlweise Winston Churchill oder auch Joseph Goebbels zugeschrieben. Warum ich das verwende? Nun, gestern wurde mir im Rahmen einer Diskussion dieser Link auf eine Statistik der wichtigsten Probleme Deutschlands zugeschickt und diese Statistik gibt mir sehr zu denken. Darum will ich mal meine (subjektiven) Gedanken dazu niederschreiben.

Das eigentlich erschreckende für mich ist, dass die Einschätzung dass „Einwanderung“ das wichtigste Problem in Deutschland sei von 8% im Sommer 2022 auf 44% im Herbst 2023 gestiegen ist. Das macht mich weitgehend fassungslos, denn mein analytischer Verstand weigert sich geradezu so etwas zu glauben.

Auf der anderen Seite muss man aber einwenden, dass eine solche Meinungsumfrage ja kein Zufallsexperiment ist bei dem ich einen Würfel für die Antworten benutze sondern ein Spontanergebnis im aktuellen Kontext der Gesellschaft. Und an der Stelle kann man dann nur die Bestätigung der rechtsextremen Propaganda „AfD wirkt“ feststellen. Zumal ja nicht nur von der Nazi-Partei die Migration als Hauptproblem benannt wird, nein auch alle naselang kommt irgend ein Unionspolitiker mit einem „Masterplan Migration“ um die Ecke (so wie gestern Söder) und auch NRW Ministerpräsident Wüst forderte neulich (nach Bekanntwerden des Potsdam-Treffens der Rechtsextremen) eine Allianz der Mitte die sich doch um das Problem Zuwanderung kümmern solle. Wenn also von vielen Akteuren der Politik und natürlich auch den Medien immer wieder Zuwanderung als Problem und Krise dargestellt wird, dann verwundert mich das Ergebnis nicht mehr so sehr.

Als Absolvent eines Ingenieurstudiums bin ich es gewohnt, Problem zu lösen indem ich mir das Problem ansehe, die Auswirkungen betrachte und dann, wenn diese gravierend genug sind nach der Ursache, dem Root-Cause suche um diesen zu beheben, denn nur dann kann ich sicher sein dass das Problem nicht mehr auftritt. In einer früheren Diskussion mit Leuten die Migration als Problem sehen habe ich dann mal nachgefragt, was denn die problematischen Auswirkungen von Migration sind. Oh, es ging los bei Wohnungsmangel, dann Amokläufe und ermordete Kinder, Inflation, ja, sogar die CO2-Bepreisung wurde den Migranten angelastet.

Aber machen wir mal ein einfaches Gedankenexperiment: Starten wir eine Umfrage ob die globale Erwärmung ein gravierendes Problem sei.

Wenn ich das heute, am 16. Januar bei einer Außentemperatur von -6° C aktuell eine Stichprobe von 1500 Leuten frage, werde ich einen Zustimmungswert von X erhalten.

Mache ich die gleiche Umfrage in einem halben Jahr nachdem wir im Vormonat konstant weit über 30° Außentemperatur gehabt hatten, dann werde ich einen Zustimmungswert Y erhalten.

Und ich gehe jede Wette ein, dass Y weitaus größer ist als X, sogar wenn ich exakt die gleichen Leute befragen würde. Wer wissen will warum das so ist, der kann gerne das Buch „Denken hilft zwar, nützt aber nichts“ von Dan Ariely lesen (Originaltitel: „Predictably irrational“) in dem der Autor mit vielen Experimenten zeigt, wie einfach Menschen zu manipulieren sind.

Kritik an der Umfrage

Auf der Statista-Seite sieht man in der Info-Box rechts die Hinweise „Es waren maximal zwei Nennungen möglich“ und eine Fußnote „in der Befragung 2022 erstmals“ aufgenommen. Das lässt die Vermutung zu, dass die Befragten eine Liste mit vorgegebenen Punkten zum Auswählen hatten. Der im Sommer 2022 hinzugefügte Punkt ist wohl die Internationale Lage was dem Ukraine-Krieg geschuldet sein dürfte.

An der Stelle fehlt mir dann z.B. „Rechtsextremismus“ als wichtiges deutsches Problem und ja, auch der Fairness halber müsste man dann eine Option „Linksextremismus“ haben. Haben wir aber nicht. Daher auch der Titel dieses Blog-Artikels.

Damit findet jetzt die Umfrage in einer Umgebung statt, in der ich „spontan“ aus vorgegebenen Antworten wählen muss. Wie gut „spontane“ Fragen funktionieren kann jeder mal selbst ausprobieren: „Sage mir ohne lange nachzudenken: Eine Farbe, ein Werkzeug und ein Musikinstument“. Die Standardantwort hier in Deutschland ist dann „Rot, Hammer, Geige“. Wobei ich beim Musikinstrument eher eines nehmen würde das ich selbst spiele.

Was sind die anderen Erkenntnisse?

Wenn ich mir dann die anderen Werte anschaue, ist das durchaus ebenso interessant. Der Klimawandel sinkt auf ein Rekordtief von 17% nachdem er im Frühjahr noch von 24% als „wichtigstes Problem“ wahrgenommen wurde. Könnte es daran liegen, dass Greta Thunberg sich mit ihren Statements zum Gaza-Konflikt als Galleonsfigur der Klimabewegung ein wenig entzaubert hat?

Die Energieversorgung sinkt nach dem 38% im Sommer 2022 auf nur 14% im Herbst 2023. Im Sommer 2022 war die Angst groß, dass wir im Winter frieren würden weil Putin den Gashahn zugedreht hat und wir noch dazu die letzten Atomkraftwerke vom Netz nehmen. Die Ampel-Regierung hat hier das Problem offentsichtlich so gut gelöst, dass es nur noch 14% als Problem wahrnehmen, was im krassen Gegensatz zu dem ist, was man in diversen Kommentaren zu Zeitungsartikeln lesen kann. Dort wird immer noch auf die Grünen eingedroschen weil diese ja am Blackout (den es nie gab) schuld seien.

Interessant ist auch, dass nur 2% der Befragten „Steuern“ als das wichtigste Problem erkennen. Warum machen wir dann nochmals Steuersenkungen? Auch die Staatsverschuldung wird nur von 6% als wichtigstes Problem bezeichnet, hallo Herr Lindner, warum steigen sie dann so vehement auf die Schuldenbremse?

Wenn wir auf „Wirtschaftliche Lage“ und „internationale Lage“ schauen, dann oszilliert das irgendwo um die 13%. Klar, wer maßt sich schon an bei einer Meinungsumfrage die Konjunktur oder die geostrategische Lage zu beurteilen.

Anders sieht es da dann schon bei steigenden Lebenshaltungskosten aus, das ist ein Thema das jeder am eigenen Geldbeutel spürt, auch ohne dass es vom medialen Dauerfeuer in die Köpfe gehämmert wird. Und trotzdem sehen wir hier eine Rückgang von 58% im Sommer 2022 auf 41% im Herbst 2023.

Weitere Gedanken

Natürlich habe ich jetzt ein wenig Pippi Langstrumpf gespielt und die Ergebnisse alle so interpretiert wie sie gut in mein eigenes linksgrünversifftes Weltbild passen. Auf der anderen Seite ist mir natürlich klar, dass unterschiedliche Menschen ein und das selbe Problem unterschiedlich gewichten können. Ein einfaches Beispiel aus der Praxis. Mein Auto hat einen Satz Sommerräder und einen Satz Winterräder. In der Garage hängen die jeweils nicht benutzten Räder an der Wand und die Nabenkappen stecken auf dem Rad am Auto. Mit jedem Wechsel dieser Kappen bricht hin und wieder eine Haltelasche von dem Plastikteil ab, also irgendwann ist das Ding reif für den Müll. Ersatzkappen kann man zwar zu hauf bei Amazon bestellen, aber die letzten die ich bestellt habe fallen auch wieder raus. Das aktuelle Problem ist, dass mein Auto hinten rechts nun keine solche Nabenkappe auf der Felge hat.

Für mich ist das ein relativ unwichtiges Problem, einfach ein Schönheitsfehler den wir beim nächsten Tausch von Winterrädern auf Sommerräder vielleicht mit passenden neuen Nabenkappen lösen können.

Für meinen autistischen Sohn ist das ein sehr krasses Problem, denn das Auto ist nicht so wie es sein soll. Daher quengelt er quasi täglich, dass wir in die Autowerkstatt sollen um das Problem zu beheben.

Genauso wird es natürlich auch mit anderen Problemen sein, was Person X als „Peanuts“ empfindet mag für Person Y das größte Problem der Welt sein. Aufgabe der Politik wäre dann aber tatsächlich die Auswirkungen zu hinterfragen und entsprechend zu handeln. Oder um es mit den Worten eines ehemaligen Bundespräsidenten zu sagen:

„Aber das macht nicht den verantwortungsbewussten Politiker aus, Meinungsforschung zu treiben, um zu wissen, was populär ist, was ankommt, und dann das Populäre zu vertreten. Die Aufgabe des Politikers ist es, das Richtige zu tun und es populär zu machen.”

Walter Scheel (Bundespräsident von 1974-1979)

Wenn wir das nicht tun, dann lassen wir uns die Themen von selbst verstärkenden Echokammern diktiteren.

2 Gedanken zu „Trau keiner Statistik…

  1. Hallo Rainer,
    das Problem von Umfragen ist eine große Intransparenz. Zum einen sollte man immer wissen, welche Interessen derjenige hat, der eine Umfrage in Auftrag gibt. Zum anderen ist es essentiell, die tatsächlichen Fragen, die zu Umfrageergebnissen führen, zu kennen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele Umfragen ungeschickt sein können (und somit nicht zu einem aussagekräftigen Ergebnis führen), und/oder manipulativ durch Suggestivfragen, die die Befragten in die gewünschte Richtung drücken. Selbst die Anordnung von Fragen hat einen großen Einfluss darauf, welche Antworten am Ende gegeben werden.
    Ich halte Umfragen, so wie sie zur Zeit inflationär verwendet werden, per se für überflüssig, weil manipulativ. Ein gesunder Blick auf die Realität, und damit auch die Erforschung von Ursache-Wirkungs-Kausalitäten, ist eigentlich nicht schwer, scheint für unsere Politiker jeglicher Couleur ein unüberwindbares Hindernis zu sein.
    Dann flüchtet man sich in Umfragen…
    Viele Grüße,
    Carsten

  2. Pingback: Antwort von MdB Ulrike Bahr (SPD) | König von Haunstetten

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