Artikelformat

Digitaler Wegezoll

Im Mittelalter war es eine lukrative Einnahmequelle Reisende bei ihrer Reise anzuhalten und „Wegezoll“ zu fordern. In Augsburg gibt es z.B. noch einen Stadteil „Hochzoll“ der sich aus dem „hohen Zoll“ für die Benutzung der Lechbrücke ableitet. Seit kurzem ist nun bekannt, dass die Telekom dieses Geschäftsmodell nun auch für ihre Kunden implementieren will.

Flatrates sollen bis 2018 in Volumenverträge umgewandelt werden und mit der Vertragsänderung soll das Datenvolumen auf einen bestimmten Wert (momentan sind 75GByte im Gespräch) limitiert werden, was darüber hinausgeht wird dann nicht mehr mit der vollen Geschwindigkeit übertragen sondern deutlich gedrosselt.

So etwas habe ich beim mobilen Internet bereits, nach 300 MB kommt eine SMS, dass ich nun bis zum Monatsende mit reduzierter Geschwindigkeit weitersurfen darf, es sei denn ich mache nochmal Geld locker um die nächsten 300 MB zu kaufen. Habe ich aber nicht, denn so wichtig ist mir das mobile Netz auch nicht. Aber das Konzept ist klar.

Dummerweise gibt es dann noch die tollen Angebote wie Videostreaming die natürlich Traffic ohne Ende verbraten, ja verbraten würden, denn das Telekom-eigene Entertain zählt natürlich nicht für dieses Limit sondern läuft nebenher. Das wiederum ist ein massiver Eingriff in die Netzneutralität, denn eigentlich sollten alle Datenpakete gleich behandelt werden.

Die Telekom versucht nun abzuwiegeln und man würde ja den diversen Anbeitern von Streamingdiensten keine Probleme bereiten, wenn sie ihren Obolus entrichten kann man ihren Traffic auch aus dem Limit rausrechnen. Bezahlen tut es letztlich der Kunde, denn irgendwo muss das Geld ja her kommen.

Die Kollegen von Netzpolitik.org haben heute auch schon schön aufgezeigt, dass das einfach die logische Schlußfolgerung aus dem stagnierenden Wachstum bei den DSL-Anschlüssen zu sein scheint, DSL geht in die Sättigung, außer da wo die Telekom nichts investieren will, also die ländlichen Gebiete. Aber Erbsenzähler wollen halt gerne ständiges Wachstum sehne und da erfindet man dann halt neue Geschäftsmodelle.

Und man ist dann auch ganz kreativ in der Definition. Entertain wäre ein „managed service“ heißt es von Seiten der Telekom, dass er zufällig IP-Technologie nutzt ist halt so ein Nebeneffekt. Stellen wir uns mal vor, wir hätten bis zur Ablösung der GEZ-Gebühr durch die Haushaltsabgabe das Zahlen von GEZ für PCs verweigert und behauptet, die Möglichkeit ÖR-Inhalte über das Internet abzurufen wären „managed services“. Hätte uns das vor den GEZ-Gebühren auf PCs bewahrt?

Momentan wird jedenfall sehr schön klar, warum es eine suboptimale Idee ist, Infrastruktur in die Hände von Privatfirmen zu geben. Mit ihrem Börsengang bekam die Telekom das Telefonnetz vom Steuerzahler geschenkt, klar, man hat es ausgebaut aber jetzt wo man in die Sättigung fährt will man die Kunden eben mehrfach abkassieren. Und flugs wird alles was heute das Web-Zwo-Null ausmacht als „managed services“ umgedeutet, Dinge die deren Anbieter dann gefälliigst dem Pseudomonopolisten mit barer Münze vergüten sollen.

Interessant ist auch die rechtliche Situation der Drosselpläne in Hinblick auf das Telekommunikationsgesetz. Rechtsanwalt Thomas Stadler hat heute gebloggt, dass ein Abrechnen der verschiedenen Trafficarten erfordert, dass der Netzanbieter Telekom analysiert, was der Nutzer da im Netz macht und genau dieses Analysieren ist ein eklatanter Verstoß gegen das Fernmeldegeheimnis. Sprich: Die Telekom geht es gar nichts an, ob ich mein Datenvolumen bei Youtube oder dem Amazon-Filmverleih verheize.

Als Telekom-Kunde bin ich von den Plänen der Telekom natürlich alles andere als begeistert. Ich kann nicht sagen, wie groß mein monatlicher Traffic ist, denn mein Billig-Router führt hier keine Statistik. Aber da meine Kinder häufig Youtube gucken dürfte da schon einiges zusammenkommen. Also ist durchaus damit zu rechnen, dass es während des Monats plötzlich heißt „Geld her oder wir drosseln“.

Mir persönlich wäre das egal, es gibt auch noch andere Dinge mit denen man sich sinnvoll beschäftigen kann. Außerdem bin ich schon lange genug dabei um zu wissen, wie man sich in Zeiten mit beschränkter Bandbreite weiterhilft. Damals zu ISDN-Zeiten mit 64kb/s lief bei mir ein Leafnode damit man möglichst wenig online sein musste wenn man NNTP macht. Ein eigener Proxy der alles mögliche cached ist auch kein Hexenwerk, mal sehen wie erfindungsreich man da wird.

Was mir mehr Sorgen macht ist die Ankündigung, dass man bis 2018 alles Anschlüsse auf IP umstellen will. Momentan bin ich via ISDN angebunden, was mich derzeit nach Telekom-Policy von IPv6 ausschließt. Im Haus läuft eine ISDN-TK-Anlage und das zentrale Telefon ist natürlich auch ein ISDN-Telefon am interenen S0. Wenn ISDN wegfällt, dann dürfte das für die Umstellung meiner Haustelefonie relativ teuer werden. Auch kein wirklicher Grund zur Freude.

Momentan befasst sch wohl die Bundesnetzagentur mit den Plänen der Telekom. Ich bin mal gespannt, was dabei herauskommen wird. Politisch muß meinerr Meinung nach jedenfalls das Ziel sein, das Netz nicht mehr einem gierigen Unternehmen zu überlassen.

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

Kommentare sind geschlossen.