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Bis zur Digitalisierung ist es noch weit

Das neue Buzzword im Business heißt „Digitalisierung“. Kein Tag an dem nicht irgend ein Politiker davon schwafelt, auch wenn er keinerlei Ahung hat. Ich selbst stehe diesem Thema sehr skeptisch gegenüber, nicht weil ich nicht digital affin bin, sondern eben gerade deshalb. Darum habe ich mich auch zum Barcamp Digitalisierung am 14. Juli hier im Technologiezentrum Augsburg angemeldet, ich will einfach mal mich mit anderen zu diesem Thema austauschen und vielleicht auch eine Diskussion führen in der man nicht nur die Jubelperser auftreten lässt, sondern auch mal auf die Angste in der breiten Bevölkerung zu diesem Thema eingeht. Denn viele haben  Angst, Angst überfordert zu werden oder schlicht Angst um ihren Job.

Ich selbst habe diverse Bedenken was die Funktionsfähigkeit dieser „Lösungen“ angeht. Denn letztlich sind alle digitalisierten Verfahren „mensch-gemacht“ und haben daher die üblichen Probleme die bei komplexen Systemen unvermeidlich sind. Beispiele gefällig?

  • Gucken wir mal zum „besonderen elektronischen Anwaltspostfach“, eine Ding zu dem Anwälte per Gesetz verpflichtet wären, ja, wenn es denn funktionieren würde. Dummerweise hat der Chaos Computer Club eine ganze Menge sicherheitsrelevante Schwachstellen aufgedeckt, und obwohl am Freitagmorgen die Firma Atos die hinter diesem System steht noch vollmundig behauptete dass es sicher sei geisterten am Abend schon die Meldungen durch die Newsticker, dass die Bundesrechtsanwaltskammer ihren Mitgliedern dringend empfiehlt dieses Programm zu deinstallieren.
  • Gucke ich mir die Werbung an die mir ein Telekommunikationsdienstleister schickt der sich nach eigenen Angaben als „Ihr Wunschpartner für den Weg in die Digitalisierung“ sieht. Toll, sogar ein persönliches Anschreiben, allerdings an einen Herrn Rainer Knig. Tja, schon blöd wenn das Computersystem im Jahr 2018 immer noch Probleme mit den deutschen Umlauten hat. Andere ersetzen das „ö“ wenigstens durch ein „?“, aber auch als Rainer K?nig fühle ich mich nicht wirklich angesprochen.
  • Neulich habe ich was online bestellt. Beim Versender ist mir dann aber ein Tippfehler bei der Adresse passiert, statt „…straße“ stand da dann „…stra0e“. Ja, das „0“ ist halt neben dem „ß“ auf der Tastatur. Das Ergebnis dieses Fehlers war, dass ich vom Logistik-Dienstleister eine tolle Mail bekam „Heute zwischen 14:34 und 15:34 kommt ihr Paket“, aber genau das kam nicht. Nachgeforscht, und siehe da, es ist zwar hier im lokalen Verteilzentrum angekommen (was wohl die Ankündigungsmail ausgelöst hat), aber als es dann auf die Auslieferfahrzeuge verteilt werden sollte, da fand sich kein Fahrzeug welches die „…stra0e“ anfährt. Also blieb das Paket im Verteilzentrum bis halt einer von Hand drauf geschaut hat und den Tippfehler korrigiert hat. Dann hat es auch mit der Zustellung geklappt.

Und ich denke, diese großen oder kleinen Probleme sind nur die Spitze des Eisbergs. Ich mache seit 34 Jahren meinen Job als Software-Entwickler und glaubt mir, als ich anfing war das Feindbild das große Cobol-Spaghettti-Code-Monster, heute hingegen arbeiten wir ja „agile“ und das ist ja so cool. Dummerweise ist der Programmcode der heute mit den „modernen“ Methoden produziert wird auch nicht unbedingt besser, denn dank „agile“ glaubt man ja, man brauche keine saubere Spezifikation und könne bis zur letzten Sekunde vor der Fertigstellung noch ganz flexibel irgendwelche neuen Kundenwünsche einbauen. Und natürlich wird auch bei Software-Entwicklung gerne gespart, was dann dazu führt, dass das „fertige Produkt“ alles andere als fertig ist und man dann bald im Tagesrhythmus neue Updates nachschieben muss.

Auch das im Zusammenhang mit Digitalisierung immer wieder mitbenutzte Buzzword „IoT“ (Internet of Things) macht es nicht besser. IoT-Devices sollen ja möglichst wenig kosten, aber geringer Preis korreliert hier dann auch mit geringer Sicherheit. Sicherheitsprobleme können dann dazu führen, dass z.B. billige Webcams im Internet dann als Bot-Netz mißbraucht werden um einen Server per DDoS (Distributed Denial of Service) anzugreifen.

Und dann stellt sich halt noch die Frage, ob ich unbedingt für alles Digitalisierung brauche. Wird das Frühstücksbrot besser, wenn der Bäcker „digitalisiert“ ist? Ich habe vorhin mal einfach die Google-News mit Begriffen wie „Digitalisierung“ und „Angst“ gefüttert und die Suchergebnisse haben mich schaudern lassen.

Das „Highlight“ das mich echt schaudern lässt ist die Überschrift „Smart: Pflegebranche begreift Digitalisierung als Chance“ auf einer Seite „Häusliche Pflege“ mit dem Untertitel „Pflegedienste besser managen“. Der Pflegenotstand den wir seit Jahren haben liegt aber wohl definitiv nicht daran, dass wir zuwenig Digitalisierung haben, sondern wohl eher daran, dass wir zu wenig ausgebildetes Personal haben und damit die Qualität der Pflege auf der Strecke bleibt. Das kann auch die Digitalisierung nicht richten und mit „managen“ kann man leider auch nicht die nötigen Pflegekräfte aus dem Hut zaubern. Aber so ein Artikel ist für mich eben symptomatisch für diese „Goldgräberstimmung“ die gerade herrscht, man ruft „Digitalisierung“ und sieht darin das Eldorado um Profit zu machen, egal ob sinnvoll oder nicht. Befeuert wird das bestimmt auch von der Politik, die dann Fördreprogramme auflegt damit „Deutschland den Anschluß nicht verpasst“ und dabei ist es leider oft recht egal, ob es sinnvoll ist was am Ende dabei herauskommt oder nicht. Hauptsache wir haben Fördergelder abgegriffen, mit Buzzwords um uns geworfen und uns toll dabei gefühlt.

Und wenn dann noch eine Partei im Bundestagswahlkrampf mit „Digitalisierung first, Bedenken second“ wirbt, dann bekomme ich als „Insider“ der Computerbranche echt Bauchweh. Glaubt denn tatsächlich jemand, er könnte Digitalisierung ohne die Menschen durchziehen? „People hat change, they really really do“ hat Tom DeMarco seinerzeit in „Peopleware“ (deutscher Titel „Wien wartet auf dich“) geschrieben und er hat recht. Leute haben Angst vor Veränderungen und sind oft nicht bereit diese mitzumachen, vor allem wenn sie für sich selbst absolut keinen Vorteil darin sehen.

Vor 20 Jahren habe ich mal einen tollen firmeninternen Workshop besucht in dem es um solche Themen ging und da wurde explizit gefordert, dass man diejenigen, die eine Veränderung betrifft definitv frühzeitig in den Entwicklungsprozess einbinden muss um ihnen ihre Berührungsängste zu nehmen. Etwas „per order die mufti“ einzuführen ist der erste Schritt zum Scheitern. Und das habe ich in 34 Jahren Berufsleben oft genug mitanschauen können.

Nur meine 2 cents of wisdom, natürlich bin ich nicht allwissend, aber ich bin auch nicht so durchgeknallt dass ich alles bejuble, nur weil es „digital“ ist.

 

Autor: Rainer

Diplom-Informatiker, Baujahr 1961, Vater von 2 Kindern, Hundehalter, Sportschütze und Vereinsvorstand, Hobbymusiker (mit zweifelhaftem Erfolg), politisch interessiert, Leseratte, Freizeit-Philosoph und letztlich Blogger.

2 Kommentare

  1. Lieber Rainer,
    vielen Dank für Deinen Kommentar, den ich vollumfänglich teile. Ich möchte sogar noch ein paar Aspekte hinzufügen. Ich habe auch Angst vor der Digitalisierung, aber nicht um der Digitalisierung Willen, sondern weil dieses Buzzword mißbraucht wird, um entweder viel Geld zu verdienen oder viel Geld einzusparen oder beides zusammen.
    Zunächst wäre an Digitalisierung ja nichts Schlechtes, wenn es um den Ausbau der Infrastruktur ginge. Denn hier liegt tatsächlich einiges im Argen (auch wenn ich nicht permanent online sein will, aber große Firmen benötigen u.U. einen vernünftigen Anschluss ans Breitbandnetz).
    Dann aber geht es los: Ich möchte gerne rechtssicher mit Behörden kommunizieren. Zum Beispiel einen Antrag an das Einwohnermeldeamt versenden ohne die Gelbe Post und entsprechende Laufzeiten bemühen zu müssen. DE-Mail sollte genügen. Pustekuchen! Unseren Behörden ist solche eine Einrichtung fremd, genauso wie den städtischen Versorgern. Hier wäre sogar eine vernünftige Webseite mit brauchbarer Navigation und Information hilfreich. Bevor diese ganzen tollen Gimmicks eingeführt werden, einschließlich IoT (kommt mir nicht ins Haus, genausowenig wie das SmartHome), sollten erst einmal die grundlegenden Hausaufgaben gemacht werden, und auch der Datenschutz sein Recht bekommen.
    Darüber hinaus ist das ganze Geschwafel um SmartDingens nichts anderes als eine Goldgrube, um Nerds abzuzocken.
    Der Otto-Normalbürger, zu dem auch ich mich zähle, obwohl ich seit vielen Jahren IT-affin bin, will nicht den ganzen Tag über damit beschäftigt werden, seine Heim-IT-Infrastruktur zu warten. Bei uns im Haushalt befinden sich mehrere PCs und Notebooks, die alle sicherheits-technisch im Auge behalten werden wollen. Hinzukommt die FB im Keller, die LAN- und WLAN-Infrastruktur etc.
    Oder heißt Digitalisierung die Bürger davon abzuhalten Wichtigeres zu tun?

    • Das Problem ist ja, dass unter „Digitalisierung“ jeder was anderes versteht. Und jetzt, wo sogar die Politik dieses Wort immer wieder in den Mund nimmt wittert man Morgenluft, denn natürlich werden Fördergelder fließen und das will abgeschöpft werden, egal was am Ende dabei herauskommt.
      Jede Woche habe ich diverse Erlebnisse die mir immer deutlicher zeigen, dass die breite Masse noch nicht bereit für Digitalisierung ist. Klar gibt es auf dem Land Probleme beim Breitband-Ausbau, aber auf der anderen Seite stelle ich halt auch fest, dass diese Bandbreite aufgrund der Unfähgkeit von wem auch immer sinnlos verschwendet wird. Beispiel: Diese Woche kam eine Mail mit Einladung zur Betriebsversammlung. Das erste Attachment: Tagesordnung, ca. 10 Zeilen. 20 Kilobyte weil sie der PDF-Scan eines ausgedruckten Word-Dokumentes war. Dann noch der Termin als ICS-Datei. 38,5 Kilobyte, mehr als 95% davon für ein XML/HTML-Embedded mit jeder Menge Style- und Font-Infos weil Creater MS-Word um dann den Body

       

      zu haben. Da möchte ich nur noch schreien, das ist so bescheuert.
      Und ja, IoT und SmartHome sind auch so Dinge die man eigentlich nicht braucht. Vor allem brauche ich kein Licht das dann erst mal auf die Verfügbarkeit einer Cloud angewiesen ist um zu funktionieren. Oder einen Lautsprecher der mich den ganzen Tag belauscht.
      Ich will einfach und komfortable die Dinge machen, die ich machen will oder tun muss, und nur weil „smart“ als Vorsilbe verwendet wird heißt das ja noch lange nicht, dass es tatsächlich smart ist.